Kinogeschichte

Hollywood kommt ins Dorf: Die Kinos in Aldekerk und Nieukerk
Heinz Stickling mit seiner Patentante im Eingang des Nieukerker Capitol-Theaters, im Hintergrund Plakate zur Kinowerbung(Foto: Familie Dross)

Ja, richtig gelesen: In unseren beiden Kerkener Ortschaften gab es über mehrere Jahrzehnte jeweils ein Kino – oder „Lichtspieltheater“, wie es damals hieß. In Nieukerk lässt sich der Ursprung bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen, in Aldekerk ging es dann endlich nach dem zweiten Weltkrieg los. In den Blütezeiten in den 1930er und 1950er/60er Jahren waren beide Kinos gut besucht und boten vielen Kerkenerinnen und Kerkenern ein spannendes Freizeiterlebnis. Erst als das Fernsehen immer mehr in die Haushalte einzog, gingen die Kartenverkäufe zurück und die Kinos wurden – zum Teil auch aus Altersgründen der Betreiber – Mitte der Sechzigerjahre geschlossen.

Im Geldrischen Heimatkalender 2024 (erhältlich ab November 2023) können Sie genaueres zu den beiden Lichtspieltheatern nachlesen. Unterlagen aus dem Gemeindearchiv Kerken und aus privaten Beständen lassen die Filmerlebnisse wieder lebendig werden.

 

Da dort der Platz aber begrenzt war, stellen wir hier noch weitere Bilder und Dokumente vor, die die Filmbegeisterung der Aldekerker und Nieukerker und die Entwicklung der Lichtspiele widerspiegeln. Sie ergänzen den Artikel im Geldrischen Heimatkalender, zeigen aber auch eigenständig Highlights aus der Geschichte der beiden Häuser. Viel Spaß beim Eintauchen in die Zeiten von Ufa, Hollywood und Co.!

Von Beginn an wurden für den Kinobetreiber Heinrich Abels in Nieukerk vom Amt die strengen Bedingungen festgelegt, unter denen der Filmbetrieb stattfinden durfte. Den Mitgliedern des Prüfungsausschusses werden 1925 gute Freiplätze eingeräumt … (Bürgermeisterei Nieukerk, Nr. 156)

Im Kino durfte nicht jeder einfach so die Filme einlegen und die Projektoren bedienen. Jeder Mitarbeiter im Vorführraum musste einen Filmvorführerschein erwerben, der im Anschluss an eine Schulung und Prüfung ausgestellt wurde. In den Unterlagen der Gemeinde Nieukerk ist diese Abschrift aus dem Jahr 1951 erhalten. (Amtliche Provenienzen Nieukerk 120_12 A B_1)

Die Lichtspieltheater konnten die Filme nicht immer frei wählen. An stillen Feiertagen wie Karfreitag wurde darauf geachtet, dass nur zugelassene Streifen gezeigt wurden. Die Amtsverwaltung arbeitete bei der Kontrolle eng mit dem Polizeiposten zusammen. (Amtliche Provenienzen Nieukerk 120_12 A B_1)

Auch Hollywood kam in unsere beschaulichen niederrheinischen Dörfer: Hier sehen wir die Werbung für den Film „Treffpunkt Paris!“, unter anderem mit den Leinwandstars Gary Cooper und Shirley Temple. Der Film, der unter dem Originaltitel „Now and forever“ 1934 in den USA veröffentlicht wurde, kam 1937 in die deutschen Kinos und wurde ein Kassenerfolg. Die Kinobetreiber erhielten als Werbematerial unter anderem die Zeitschrift „Illustrierter Filmkurier“, die eingehend die Neuerscheinungen vorstellte (Private Archive Nieukerk, D7 / 15).

Diese Broschüre, die das Gemeindearchiv aus dem Bestand des Nieukerker Capitol Theaters erhalten hat, wirbt ausführlich für den Film „Ohm Krüger“ aus dem Jahr 1941. Die Handlung spielt in der Zeit des Burenkriegs in Südafrika und dreht sich um den Politiker Paul Krüger, der von dem Schauspieler Emil Jannings verkörpert wurde. Der mit großem Aufwand beworbene Film, der starke propagandistische und antibritische Tendenzen zeigt, wurde ein großer Erfolg des nationalsozialistischen Kinos. Hier wird die Strategie der Nationalsozialisten deutlich, die über solche politischen Filme die Bevölkerung gezielt für ihre Zwecke beeinflussen wollten. Es handelt sich heute um einen sogenannten Vorbehaltsfilm, der – wegen seiner kriegsverherrlichenden, rassistischen, antisemitischen und/oder volksverhetzenden Ausrichtung - nicht für den allgemeinen Vertrieb freigegeben ist. (vgl. https://www.murnau-stiftung.de/movie/676 , Filmbroschüre: Private Archive Nieukerk, D7 / 16)

(Foto: Sillekens, Gemeindearchiv Kerken)

Im Artikel im Geldrischen Heimatkalender wird auch von den Anfängen des Kinos berichtet. In Ergänzung dazu hier ein Foto vom Cinématographen der Gebrüder Lumière aus dem Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel, das zu Redaktionsschluss noch nicht vorlag und hiermit nachgeliefert wird:

(Digitalisat: Gemeindearchiv Kerken)

Ein weiterer sehr interessanter Fund ist dieser Werbezettel, den das Aldekerker Kino im Jahr 1949 zur Eröffnung verteilt hat. Hier sind die ersten gezeigten Filme, Vorstellungszeiten und Preise aus der Anfangszeit der „Lindenhof Lichtspiele“ nachzulesen. Hartmut Schroeder aus Aldekerk hatte ihn in den Familienunterlagen gefunden und im Januar 2024 dem Gemeindearchiv zum Scannen zur Verfügung gestellt. Nochmals herzlichen Dank dafür!